Das gehört sich einfach nicht!

Meine Großeltern hatten eine große Gärtnerei und meine Eltern haben hier natürlich gearbeitet und geholfen. Meine Mutter hat über Jahre das Blumengeschäft ihrer Mutter geführt. Mein Vater war hauptberuflich Polizist. Nebenbei hat er als (Friedhofs-) Gärtner gearbeitet.

Das Geschäft, mittlerweile nicht mehr durch meine Mutter geführt, liegt neben einem großen Friedhof. Schon früh als Kind hatte ich somit Kontakt mit dem Tod. Nicht aus persönlicher Erfahrung, sondern durch den Kontakt meiner Eltern mit ihren Kunden. Wie bei jedem Florist, so wurde auch meine Mutter wöchentlich mit Aufträgen für Grabkränze beauftragt, oder mein Vater erhielt neue Aufträge zur Grabpflege.
Regelmäßig saßen traurige Gestalten, schwarz gekleidet, in der Küche des Geschäfts oder bei uns am Essentisch. Es wurde geweint, es wurde gelacht und es wurde beraten wie das Grab und die Kränze auszusehen hatten.

Im Binderaum ging es dann ans Werk. Moosi wurde in Form gebracht, Tannenzweige befestigt, Blumen geschnitten und gesteckt, heißer Draht wurde in große Kerzen getrieben um diese auf dem Kranz befestigen zu können. Danach wurden die Gestecke und Kränze zur Leichenhalle gefahren, meist mit der Schubkarre, um sie dort liebevoll aufzustellen. Die Leichenhalle liegt dabei nur einen Steinwurf vom Haus meiner Eltern und vom Geschäft entfernt. Hier habe ich (und meine Schwester) meinen Eltern geholfen, Pflanzen oder Bäume neben den Aufgebahrten zu gießen oder so dort hinzustellen. Der Umgang mit dem Tod war etwas natürliches, er gehörte zu meiner Kindheit dazu.
So war der Friedhof der erweiterte Spielplatz unserer Kindheit. Natürlich hatten wir das strikte Verbot auf dem Friedhof zu spielen, denn hier Trauern die Menschen und das „gehört sich einfach nicht„! Natürlich haben wir auf das Verbot oft nicht gehört und haben die Grabsteine zum Ort des Versteckspiels gemacht. Haben uns in Bäumen versteckt und zugeschaut wie die Trauerprozession ihrer Wege zog.
Wenn meine Schwester oder ich Kinder zum übernachten zu Besuch hatten, so haben wir sie regelmäßig Nachts auf den Friedhof entführt. Dort haben wir ihnen Schauergeschichten erzählt und ihnen richtig Angst gemacht. Mit einfachen Worten: Wir hatten wirklich einen großen Spaß! 😉

Und heute? Heute wohne ich in 10km von daheim entfernt in Wevelinghoven. Der Friedhof ist vielleicht 150m

entfernt. Alle zwei Tage öffne ich (wir, oder meine Frau), den kleinen weißen Schrank im Flur. Wir holen zwei weiße Kerzen aus dem Schrank und das gepunktete Feuerzeug, dass unsere Tochter sicherlich gemocht hätte. Wir entfernen die Aufkleber auf den Kerzen und verlassen das Haus. Auf die Straße, rechts ab, dann 30m die Straße entlang. Erneut biegen wir rechts ab, überqueren die Straße auf den schmalen Bürgersteig gegenüber. Nach 60 Metern biegen wir links in einen kleinen Fußweg ab.

Heute hasse ich diesen kleinen Fußweg mehr denn je! Früher hat mein Freund Daniel dahinter gewohnt und wohnt mittlerweile mit der Familie wieder dort und ich bin diesen Weg immer mit dem Rad gefahren wenn ich ihn besucht habe. Alternativ sind Daniel und ich über diesen Weg zu unserer geheimen Rauchstelle gegangen. Bis vor einiger Zeit verband ich mit diesem Weg eine schöne Erinnerung.

Heute verabscheue ich diesen Weg. Ich hasse die Hundescheiße links und rechts des schmalen Weges! Der kleine Anstieg fühlt sich oft wie ein unüberwindbarer Berg an. Oben angekommen überquert man mit ein paar Schritten einen kleinen Trampelpfad und steht auf dem Friedhof. Von diesem Punkt ist das Grab unserer Tochter bereits zu sehen. Den Kopf mal in Blickrichtung, mal gesenkt, steht man nach ca. 20m vor dem Grab.

Die ausgebrannten Kerzen werden entfernt, die Neuen angezündet und platziert. Eventuell muss noch Gegossen werden, Blätter entfernt oder verwelkte Blumen entfernt werden. Danach steht man unwirklich vor dem Grab der eigenen Tochter.

Ruhe……

Im Hintergrund quatschen Leute lauthals über das Leben, führen ihre Hunde spazieren oder Kinder düsen mit Rad über den Friedhof. Wie respektlos von diesen Leuten. Sie kotzen mich alle sowas von an!

Ironie des Schicksals!?

Wie gerne würde ich meine Tochter ermahnen nicht auf dem Friedhof zu spielen, denn das „gehört sich einfach nicht„! Heute gehen wir wieder Kerzen anzünden und stellen neue Blumen hin, denn das „gehört sich einfach“.

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