Im Februar 2013 erkrankte unsere Tochter an Krebs. Die Diagnose: Neuroblastom Stadium 4 mit MYCN-Amplifikation. Ein schlimmere Nachricht, als das das eigene Kind Krebs hat, kann einem nicht überbracht werden. Ich habe mir viele schlimme Dinge für mein Leben ausmalen können, aber damit hatte ich nie und wollte nie damit rechnen. Kinderkrebs war ein Tabuthema für meinen Kopf und mein Herz!

Ab dem Tag der Diagnose änderte sich alles! Unsere Tochter wurde in die KK04 der UK-Düsseldorf eingewiesen. Ich werde nie den ersten Gang über den Flur der Station vergessen. Meine Tochter an der Hand, gingen wir gemeinschaftlich den Flur entlang zum Schwesternzimmer um uns anzumelden. Auf dem Weg dorthin ging eine Türe auf und ein Kind, liegend in Bett und ohne Haare, begleitet von seinen Eltern und Ärzten, wurde über den Flur geschoben. Die Erinnerung versetzt mich immer noch in eine innerliche Starre. Der Gesichtsausdruck der Eltern, das Kind ohne Haare, mager und krank aussehend. Würde es meiner Tochter aus so ergehen? Würden wir genau so aussehen wie diese Eltern, die gerade das Schlimmste durchmachen was Eltern widerfahren kann?

Ab diesem Tag gaben meine Frau und ich uns für lange Zeit nur noch die Klinke in die Hand. Die Therapie setzte unserer Tochter stark zu, so dass wir die ersten 9 Monate eigentlich nie die Station verlassen konnten. Wenn wir mal zu Hause waren, dann nur für Stunden oder mal 2 Tage. Danach hieß es wieder Krankenhaus mit allem drum und dran.

In dieser schweren Zeit hat mir das Laufen geholfen, den Schmerz auszuhalten. Bei langen Läufen hat mein Kopf gekreist und nach einer Weile konnte ich etwas Ruhe empfinden. Wenn wieder alles akut Scheiße war, so bin ich einfach gerannt was das Zeug hielt. Ich schrie und weinte während ich durch den Wald jagte. Das Empfinden von Schmerz machte es einfacher zuzusehen, wie unsere Tochter leidet. Ich hasste das Gefühl in guter Verfassung zu sein, während meine Tochter um ihr Leben kämpft!

Aufgeben ist keine Option!

Dieser Leitspruch hat uns die gesamte Zeit über begleitet. Ich weiß nicht wie oft ich dies zu meiner Tochter gesagt habe. In den Momenten, in denen meine Frau und ich schwach waren, wir weinten und nicht mehr ein uns aus wussten, so sagte unsere Tochter diesen Satz zu uns.

Papa, sei nicht traurig! Aufgeben ist keine Option.

Meine Tochter war 4 als sie diese Worte an mich richtete! Der Horror!

In all dem Leid und einer Heilungsprognose von 20% fängt man sein Leben in allen Bereichen zu überdenken. Ich bin für meine Tochter, meine Frau und meine Familie da. Ich tue was ich kann, aber ich bin doch nur Zuschauer im schlimmsten Theaterstück der Welt und ich muss es mir ansehen! Gehen ist nicht möglich, eingreifen ist unmöglich!

Laufen hilft

Ich wusste das mir Laufen hilft. Also wuchs in mir der Gedanke, einen Marathon zu laufen. Bei all dem Leid suchte ich doch nach einem Ausgleich, einem persönlichen Ziel. Aber einfach nur einen Marathon laufen wollte ich nicht. Ich wollte das Laufen mit etwas Positivem verknüpfen. So entschied ich mich im Laufe des Jahres 2014 am Düsseldorf Marathon teilzunehmen und zwar als Spendenläufer für die Elterninitiative Kinderkrebsklinik e.V..

Und heute?

Heute Laufe ich aus den gleichen Gründen wie 2014. Nur das meine Frau und ich mittlerweile alleine sind. Nach zwei Jahren Kampf hat unsere Tochter den Kampf gegen den Krebs zwar gewonnen, ihr Leben aber dabei verloren!
Warum ich das so schreibe mag mancher sich fragen. Weil meine Tochter bis zum Schluss innerlich ein lebensfroher Mensch war, der uns jeden Tag gezeigt hat, dass das Leben ein wundervoller Ort ist und es sich lohnt für jeden Augenblick zu kämpfen! Deswegen hat Sie gewonnen und ihr Leben dabei verloren! Sie hat sich nie aufgegeben, hat den bösen Zellen nie die Oberhand gewinnen lassen und hat uns mit ihrem Lächeln jeden Tag verzaubert! Sie war gerade zwei Tage 6 Jahre alt und innerlich weiser als ich es vermutlich jemals sein werde.

Deswegen Laufe ich heute immer noch und bin als Spendenläufer aktiv. Was bleibt mir anderes übrig als weiterzumachen, denn Aufgeben ist keine Option! Ich möchte mit meinen Spendenläufen etwas zurückgeben und zeigen das man weiterleben kann und muss, auch wenn es ein anderes Leben ist als vorher. Ich möchte etwas von der Kraft spenden, die ich jahrelang durch meine Tochter erhalten habe.

Das ist der Grund warum ich Spendenläufer bin!

Die Elterninitiative

Ich kann nicht in Worte fassen wie dankbar ich diesem Verein bin. Ohne die Elterninitiative wäre der Aufenthalt auf der Station und die damit verbundenen Strapazen sehr wahrscheinlich nicht auszuhalten gewesen. Ich fühle mich diesen Menschen zu unendlichem Dank verpflichtet. Sie waren über Jahre hinweg ein Teil meiner Familie. Man hat zusammen geweint und gelacht. Die Power der Leute macht mich auch heute immer noch sprachlos! Ihr seid ein spitzen Team und ihr seid für mich alle Helden. Danke!

Ich bin kein gläubiger Mensch….

aber wenn ich eines Tages diese Welt verlasse und meine Tochter wieder in die Arme schließe, dann will ich ihr sagen, dass ich versucht habe ein gutes Leben zu führen. Das ich gelebt habe und versucht habe das Beste aus meinem Leben zu machen. Ich empfinde das als meine Bürde, als meine Pflicht.

Mein Name ist Jörn Böger und #kraftspenden – Gemeinsam gegen Kinderkrebs ist mein Läufermotto.

In ewiger Liebe und Dankbarkeit.